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Polizei
Baumgesicht
Autorin: Nikola Hahn
Eingestellt am: 04.04.2005
Seite 3 von 3

Und doch spielt dieser alte Baum noch eine wichtige Rolle im Leben der beiden Freundinnen, deren Wege sich nach der Schule zunächst trennen ...
Wenn Astrid später jemand fragte, warum sie mit ihrem guten Abitur nicht studiert habe, gab sie finanzielle Gründe an. Tatsächlich war es so, daß sie sich nicht vorstellen konnte, Jahre damit zu verbringen, in Hörsälen herumzusitzen. Was sie aber bewog, sich einen Beruf auszusuchen, der weder ihrem Wesen noch ihren Interessen entsprach, blieb ihr selbst unklar. Vielleicht war es ein Stückchen jener Sehnsucht nach dem wahren Leben, die Sandra weggezogen hatte, vielleicht die Suche einer jungen Frau nach Anerkennung? Astrid beschloss, Polizistin zu werden.
Ihr beruflicher Weg führte sie zweieinhalb Jahre nach Kassel und Wiesbaden: eine Zeit, in der sie sich nicht nur an das Tragen einer Uniform gewöhnte, Gesetze und Vorschriften auswendig lernte, sondern auch – notgedrungen – Geselligkeit entwickelte. Sie wunderte sich, wie leicht ihr das fiel, aber womöglich lag es daran, das alles neu und aufregend war, daß sie ihren ersten Schwips erlebte und ihre erste große Liebe.
Nach der Ausbildung wurde Astrid in die Bereitschaftspolizei versetzt. Sie absolvierte wochenweise Hundertschaftsdienst, Synonym für Herumsitzen und Warten, sie lernte die bunte laute Welt des Frankfurter Flughafens kennen, die nach vierzehn Stunden Dienst allerdings nicht mehr anregend war, und sonntags fuhr sie mit ihren Kollegen zur Startbahn West.
Als sie im Gruppenwagen zu ihrem ersten Einsatz unterwegs war, erinnerte sie sich an einen Film über die Räumung des Hüttendorfes, den sie in der Polizeischule gesehen hatte: Die Verzweiflung der Bewohner, die den Ausbau des Flughafens verhindern wollten und ihr vorhersehbares Scheitern hatten sie berührt.
Sie sah aus dem Fenster. Das Betongrau der Autobahn schien auf das Gras und die Büsche jenseits der Leitplanken abgefärbt zu haben. Selbst der Himmel war grau. Astrid dachte an die Lindenallee in ihrem Dorf, an die Kastanienbäume und die alte Weide im Bach, die sie Baumgesicht genannt hatten. Die Kinder waren genauso machtlos gewesen wie die Demonstranten.
Als sie an der Startbahnmauer ausstiegen, erzählte ihr ein älterer Kollege, daß das Verhältnis zwischen Demonstranten und Polizei vor der Hüttendorfräumung fast freundschaftlich gewesen war. Seitdem herrsche nur noch Konfrontation. Astrid empfand Sympathie für die Demonstranten, aber auf der Rückfahrt bestenfalls noch für die Sache. An der Südostecke der Mauer hatten sie eine Kaffeetafel aufgebaut. Frauen, die ihre Mütter hätten sein können, hatten sie als Flintenweib und Nazischwein beschimpft. Der Wald mußte herrlich gewesen sein.

Astrid wußte nicht, der wievielte sonntägliche Einsatz an der Startbahn es war, als sie Sandra traf. Sie erkannte sie sofort an ihrem langen blonden Haar. Ihr freudiges Hallo rief Erstaunen, dann Entsetzen in Sandras Gesicht. Ohne ein Wort wandte sie sich ab.
Astrid berührte sie am Arm. „Sag doch was!“
„Hau ab, du Verräterin!“ herrschte Sandra sie an. In ihren Augen lag Haß. Und etwas, das Astrid nicht deuten konnte.
„Kennst du die etwa?“ fragte ein Kollege.
„Ja“, sagte Astrid. Abends, allein in ihrer Hanauer Westendwohnung, dachte sie lange darüber nach, warum zwei Menschen, die jahrelang eins gewesen waren, nicht einmal mehr ein freundliches Wort füreinander übrig hatten.
Bei späteren Einsätzen sah sie Sandra nicht mehr.
Dann kam der zweite November 1987, der unter der Schlagzeile Startbahnmorde durch die bundesdeutsche Medienwelt ging ...


Was geschieht mit Sandra und Astrid? Werden sie sich noch einmal wiedersehen? Gemein, wie ich bin, verrate ich das natürlich nicht, sondern hoffe darauf, daß ich Sie neugierig genug machen konnte, daß Sie "Baumgesicht" kaufen ... So sind sie, die Autoren ... *g*

© Nikola Hahn
Nachdruck nur mit Genehmigung


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