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Tödlicher Kinoabend
Autor: Ronny Holz
Eingestellt am: 04.01.2007
Seite 3 von 3

Meine Aufmerksamkeit gilt wieder dem Festgenommenen. Ich mache ihm den Tatvorwurf und belehre ihn ber seine Rechte. Die Tr vom Funkwagen ist geschlossen, die Belehrung hren nur er und ich. Pltzlich beginnt er zu reden. Irgendwas von Wilhelm Busch redet er. Von Bchern, die er gelesen habe. Er redet davon, ein besserer Mensch zu sein. Besser als ich es sei, besser als alle Deutschen es seien. Seine Augen reit er dabei weit auf. Und er lacht. Dann verspottet er die Einsatzkrfte. Der luft nicht ganz rund, denke ich.

Die Medien berichteten spter davon, dass er von Osama bin Laden gesprochen und Macheten bei sich gehabt habe. Das kann ich nicht besttigen. Das Tatmesser hatte er vor der Festnahme weggeworfen. Ansonsten hatte er nur Kleidung, ein Kopfkissen, eine Nagelschere und andere Dinge bei sich, die darauf schlieen lieen, dass er zu dieser Zeit keine feste Wohnung hatte.

Whrend ich mit ihm weiterhin im Streifenwagen sitze und meine Manu die Geschehnisse drauen stehend beobachtet, treffen nach und nach immer mehr Fahrzeuge am Tatort ein. Irgendwann werde ich von einem der hinzugekommenen Kollegen im Funkwagen abgelst. Man fhrt mit dem Festgenommen davon.

Ich gehe rber zu Manu. Sie sagt nichts, aber ihre Blicke sagen alles. Sie ist schockiert und betroffen. Natrlich hat sie so etwas noch nicht erlebt. Durch die Scheiben des Rettungswagens erkenne ich, wie die Sanitter mit dem vermeintlich toten Jungen beschftigt sind. Inzwischen ist auch der Notarztwagen eingetroffen. Manu erzhlt mir, wie bel zugerichtet der Junge ist. Sie berichtet von einem abgeschnittenen Ohr, von Stichwunden am Hals und von jeder Menge Blut. Sie ist den Trnen nahe.

Dann sehe ich einen uniformierten Kollegen, den ich von der Direktionshundertschaft kenne. Er ist spter hinzugekommen, war nicht von Anfang an dabei am Tatort. Ich gehe zu ihm hin und frage ihn, was er wei bisher. "Der Junge ist tot!", sagt er mir. Ich berichte ihm, inwiefern ich an der Sache beteiligt war und dann gehe ich wieder zu Manu. Ich nehme ihre Hand und ziehe sie in Richtung meines Autos. Wir steigen ein und fahren nach Hause. Blo weg von hier!

Einschlafen ist kaum mglich. Lange liegen wir noch wach im Bett und lassen das Erlebte Revue passieren. Was wre nur gewesen, wenn wir ein, zwei Minuten eher da gewesen wren? Htten wir was verhindern knnen? Htte er auch mich verletzen oder tten knnen? Diese Gedanken machen mir Angst. Manu ist zitterig und aufgewhlt. Sie hat Trnen in den Augen. Ich versuche, sie zu beruhigen. Irgendwann schlafen wir ein.

Das Klingeln an der Haustr weckt uns auf. Es ist ein Mitarbeiter der zustndigen Mordkommission des Berliner Landeskriminalamts. Man brauche sofort meine Zeugenaussage fr die Vorfhrung. "Kann ich die auch morgen im Nachtdienst schreiben?", frage ich. Ich hatte mir den Sonnabend ohnehin ganz anders vorgestellt. Aber das Wochenende steht nun ganz im Fokus des letzten Abends. Also schreibe ich am heimischen PC meine uerung. Frei von Emotionen, schn sachlich. Wie es von einem verlangt wird. Irgendwann am Nachmittag werden diese vier Seiten Papier von einem Fahrer des LKA abgeholt.

Es vergeht keiner der folgenden Tage, an dem ich nicht mit Manu ber das Ganze spreche. So viel ich auch bisher schon gesehen und erlebt habe in diesem Beruf, es geht auch mir sehr nahe. Die Berichterstattung in den Medien streut nochmals Salz in die Wunden. Bilder von den trauernden Freunden und der weinenden Mutter prgen die Titelbltter der Zeitungen. Berichte ber "tdliche Zivilcourage" und die "feige Hinrichtung" laufen ber die Fernsehbildschirme.

Wie sich herausstellte, wollten der Gettete und seine Freunde in die Diskothek. Bei der Ankunft am Parkplatz sahen sie den randalierenden Tter und wollten ihn zur Rede stellen. Mit tdlichem Ausgang.

Ganze neun Monate spter sitze ich dem mutmalichen Mrder erneut gegenber. Es ist im Dezember 2004, kurz vor Weihnachten, Saal 618 im Berliner Landgericht. Zum ersten Mal befinde ich mich in einem Raum mit der Mutter des Getteten. Sie weint und schluchzt. Sie tut mir furchtbar leid. Ich sehe hinber zum Angeklagten. Er scheint gut versorgt zu sein, denke ich. Ordentlicher Anzug, gut genhrt. Er sagt nichts, fr ihn sprechen andere.

Fast 90 Minuten lang muss ich mich vor den beiden Verteidigerinnen fr mein Einschreiten rechtfertigen und mich fragen lassen, ob sich der Angeklagte vor Ort in einer Notwehrwehrsituation befunden hatte. Einfach unglaublich.

Dann muss Manu in den Gerichtssaal. Vor der erneuten Begegnung mit dem Angeklagten hatte sie Angst. Trotzdem macht sie ihre Aussage professionell. Sie ist zum ersten Mal in einem Gerichtssaal. Und dann gleich so was. Auch sie muss sich unglaubliche Fragen gefallen lassen.

Im Januar 2005 fllt das Urteil. Bereits in der Verhandlung stellte ein Gutachter beim Beschuldigten eine paranoide Schizophrenie fest. Er wird aufgrund fehlender Schuldfhigkeit freigesprochen.


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