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Angekommen
Autorin: Bianca Meier
Eingestellt am: 18.12.2005
Was mich hier erwartet weiß ich noch nicht; ich hoffe es wird besser.
Die Fahrt war lang und beschwerlich, doch das davor war schlimmer. Das Einzigste was ich bekam war ein Fahrschein von Karlsruhe nach München, kein Geld und kein Essen für die Reise.
Der Zug ist voll und meine zwei Kinder müssen die Fahrt über auf meinem Schoss sitzen; nur ein Ticket. Mir ist heiß, meine Kinder schreien vor Ungeduld und ich verstehe die Ansagen nicht. Ich weiß nur, wenn der Zug nicht mehr weiter fährt müssen wir raus.
Auf der Toilette ist unter dem Wasserhahn ein Zeichen: nicht trinken. Doch wir haben Durst.
Dort wo ich herkomme, gibt es diese Zeichen nicht. Ich trinke, denn es ist heiß.
Sie sehen mich an. Alle sehen mich an, auch wenn sie gleich wieder wegsehen. Meine zwei Taschen haben oben keinen Platz; sie stehen im Gang. Und jedes Mal, wenn dieser Wagen mit Getränken und Essen, das ich mir nicht leisten kann, vorbei geschoben wird, muss ich meine Taschen wegräumen. Dabei treten meine Kinder auf die Füße meiner Nachbarn. Die sagen etwas und reden dabei miteinander, doch ich verstehe sie nicht. Sie meinen mich, auch wenn es meine Kinder waren, die ihnen auf die Füße stiegen und obwohl sie selbst es waren, die meinem Gepäck keinen Platz da oben ließen, muss ich mich hier so quälen.
Doch dort wo ich herkomme, war die Qual größer.
Sie haben schöne Anzüge an, und mir gegenüber sitzt eine Frau, die telefoniert. Ich würde jetzt auch gerne telefonieren, doch es gibt keinen Menschen auf dieser Welt mit dem ich telefonieren könnte; alle tot
. Hier ist es schön, dennoch anders. Ich weiß nicht, wie ich meine Kinder beschäftigen soll, es ist eng und heiß; meine Kräfte lassen nach. Ich singe ihnen ein Lied, damit sie ruhig werden und dabei starren mich alle an. Ich versuche sie nicht zu beachten, doch ich bin hier so fremd und das macht mich schwach
. Ich will ein Fenster öffnen, doch sie schließen es immer sofort.
Und nun, bin ich angekommen. Ein Strom von Menschen reißt mich samt meinen Habseligkeiten aus dem Zug direkt auf den Querbahnsteig. Es vergehen keine fünf Sekunden, dann werde ich wieder angerempelt und mein Kleinster schreit so laut, dass ich mich am liebsten umdrehen und weggehen würde. Es herrscht dichtes Gedränge und die Menschen hetzten um mich herum als seien sie auf der Flucht. Dabei dachte ich, das Flüchten hätte hier ein Ende.
Mir wird schlecht, und ich setze mich auf meinen Koffer. Ich weiß nicht mehr weiter und egal wen ich um Hilfe bitte, sie verstehen mich nicht. Ich bin ihnen egal und sie hetzten an mir vorbei. Wohin sie alle gehen – ich weiß es nicht. Ich weiß noch nicht mal wohin wir jetzt gehen. Wohin mit meinen Kinder; wohin mit mir.
Und erst jetzt, als meine Kinder so laut schreien und weinen dass es mir einen Stich ins Herz jagt, kommt eine Frau.
Sie trägt eine Uniform und eine Waffe, doch das erschreckt mich nicht. Dort wo ich her komme tragen sie alle Waffen.
Sie nimmt meinen Koffer und meinen Sohn an die Hand und wir folgen ihr.
Einige Meter weiter gehen wir durch eine Tür. Mission – das Wort kenne ich. Es sind viele Leute hier, doch sie sitzen nur herum und sehen mich an. Ich setzte mich auch und nehme meine Kinder auf meinen Schoß.
Und als wir Brot und Tee bekommen, weiß ich: Wir sind vorerst angekommen.


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